​Tabuthema Sterben

Meine Tante ist schwer krank. Ich finde diesen Ausdruck: „Sie liegt im Sterben“, sehr schwierig. Sie ist ansprechbar und wach, kann sich klar äußern. Sie ist fast 80 Jahre alt und hat ein Leben hinter sich, wie sie es für sich entschieden hat. Ob das gut für sie war, weiß ich nicht. Das muss jeder Mensch für sich entscheiden.

Zufriedenheit

Für mich ist gerade die schwierige Situation, dass sie nie viel mit der Familie zu tun haben wollte und jetzt unsere Hilfe braucht. Ich finde es selbstverständlich, dass ich mich kümmere.

Aber, die Gesetze und Bedingungen in Deutschland machen es nicht gerade leicht, sich um alles zu kümmern.

Offensichtlich wird immer nur von den schlechten Seiten der Menschen ausgegangen und deshalb alles zugemacht. Das hat unsere Gesellschaft selbst verursacht. Ich sehe das sehr zwiegespalten. Einerseits ist es gerade absolut nicht möglich für mich die Rechnungen meiner Tante und die Versorgung zu organisieren. Ich bekomme noch nicht einmal Auskunft von Ärzten. Andererseits ist es natürlich richtig, dass nicht jedermann an die Informationen und Geld kommt. Ich bin -  zum Glück -  das erste Mal in dieser Situation und es ist ungemein schwierig.

Generation: Nachkriegskind

Meine Tante gehört zu den Kriegskindern und ist in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Die meisten Menschen dieser Generation sind mehr versorgt worden, als dass sie eine liebevolle Kindheit genießen konnten.

Meiner Tante ging es garantiert so. Meine Großmutter war kein liebevoller Mensch. Meinen Großvater habe ich nie kennen gelernt. Welche Bedingungen auch immer dazu geführt haben, dass es so war, ist nicht relevant. Aber, Kinder, die lieblos aufwachsen, werden zu Menschen, die Schwierigkeiten mit Gefühlen haben. Und mit Sicherheit auch Schwierigkeiten mit Beziehungen.

Ich glaube, dass wir unseren Eltern oder Großeltern, Tanten und Onkeln oder wem auch immer aus der Verwandtschaft aus dieser Generation eine Menge verzeihen müssen, da sie so aufgewachsen sind. Das ist für uns heute kaum nachvollziehbar, was die Erfahrungen aus Kriegszeiten mit einem Menschen und seinen Kindern machen.

Vergebung ist so wichtig!

Bis hierhin habe ich den Artikel letzte Woche geschrieben, dann wurde ich unterbrochen und mir fehlte die Zeit, um weiterzuschreiben. Jetzt ist fast eine Woche vergangen und es ist viel passiert. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schreiben, dass meine Familie und ich meiner Tante vergeben müssen und sie in Frieden gehen lassen sollten.

Tja, meiner Tante geht es wieder ein wenig besser und sie hat uns voll auflaufen lassen. Ich freue mich für meine Tante, dass sie gesundheitlich so stark ist. Aber, sie wird palliativ behandelt – die Krankheit kann nicht mehr geheilt werden, die Schmerzen werden gelindert.

Sie ist allerdings der Meinung, dass sie jetzt niemanden mehr braucht. Sie hat uns regelrecht abserviertauf eine sehr bösartige Weise. Anstatt uns anzurufen und zu sagen, dass sie die Vorsorgevollmacht in der abgesprochenen Form nicht mehr möchte, hat sie die Bank angerufen und alles abgeblasen.

Was sie gesagt hat, weiß ich nicht. Aber, wir sind von der Bank quasi der Erbschleicherei bezichtigt worden. Das ist jetzt mehr als 24 Stunden her und ich bin immer noch fassungslos, ob ihres Verhaltens. Mit was für einem Misstrauen ein Mensch leben kann – oder was auch immer das ist …

Krankheit verändert

Krankheiten verändern Menschen -  Leberzirrhose kann starke Schädigungen im Hirn verursachen und zu Veränderungen des Verhaltens führen – hat mir eine Freundin gesagt. Ich merke aber, dass mein positives Denken gegenüber meiner Tante hier ein Ende nimmt.

Versteh mich nicht falsch, aber ich versuche immer wieder im Leben alles positiv zu sehen. Es gibt allerdings Situationen in denen es albern ist, die Dinge noch ins Positive zu wenden.

Hier ist so eine Situation. Meine Tante wollte in ihrem Leben nie etwas mit der Familie zu tun haben. Wenn es darum geht, dass jemand ihre Hand halten soll, wenn es ihr richtig schlecht geht, dann ist die Familie gut genug. Sobald sie sich aber einigermaßen wieder um sich selbst kümmern kann, sind wir die Bösen – und wollen nur ihr Geld.

Schade, dass man das Geld nicht mit ins Grab nehmen kann.

Ich habe kein Verständnis dafür, dass Geld wichtiger sein kann, als Menschen. Ich bin wahnsinnig enttäuscht von meiner Tante.

Selbstbestimmt, Selbstbewusst

​Online Challenge

ACHTSAMKEIT

Ich habe gelernt, dass Achtsamkeit bedeutet, dass ich die Dinge hinnehme, die ich nicht ändern kann und mich nur mit den Dingen beschäftige, die ich ändern kann.

Ich kann meine Tante nicht ändern. Ich kann ihr verzeihen und meinen Frieden mit der Situation schließen – aber ich kann sie auf diese Art und Weise nicht begleiten. Hier muss ich achtsam sein und dafür sorgen, dass ich meine Energie und Kraft nicht für einen Menschen opfere, der sie nicht zu schätzen weiß. Wertschätzung ist eine tolle Form von Dankbarkeit.

Es ist eben nicht selbstverständlich für einen anderen Menschen da zu sein. Ich muss mich nicht mies behandeln lassen und trotzdem noch ein Opfer bringen, um mich um einen Menschen zu kümmern, der noch nicht einmal sieht, dass es mich außer Zeit auch Kraft kostet. Du musst das auch nicht. Sei achtsam!

In Frieden sterben

Ich habe bisher immer gedacht, dass zum Ende eines Lebens Frieden geschlossen werden muss. Aber ich lerne gerade, dass dieser Frieden von beiden Seiten gewollt sein muss. Manche Menschen können anscheinend selbst trotz Todesnähe nicht über ihren Schatten springen …

Für mich ist es wichtig meinen Frieden damit zu schließen. Ich habe meiner Tante gesagt, was ich wesentlich fand. Ich habe ihr freundlich meine Meinung gesagt – keine Ahnung, ob sie das verstanden hat. Das ist auch nicht mehr wichtig.

Sie nutzt die Menschen aus, wenn sie es nötig hat und stößt sie ansonsten weg. Das ist keine feine Art.

Kennst du auch so einen Menschen? Halte dich fern! Das ist sehr verletzend und da ist ein klares Nein besser als jede Freundlichkeit.

Löffelliste

Am Anfang habe ich bereits erwähnt, dass ich glaube, dass meine Tante nicht glücklich war im Leben. In meinen Augen ist sie das beste Beispiel dafür, dass Geld nicht glücklich macht.

Sie hatte immer teure Kleidung und betonte, dass sie nur echten Schmuck trägt. Aber mein Onkel hat sie immer betrogen, er hat sie klein gehalten und neben ihm hatte sie nichts zu sagen. Traurig! Sie hat es sich aber ausgesucht – sie hat nie Nein dazu gesagt.

Ihr war das Geld und ein hoher Lebensstandard immer wichtigerdas Bild nach außen. Es ist an dieser Stelle vollkommen egal warum das so ist.

Ich möchte so nicht leben und ich hoffe, du auch nicht. Das Leben ist etwas Wunderbares. Also sollten wir es voll auskosten: Jeder Tag an dem du nicht lachst, ist ein verlorener Tag.

Ziele sind ganz wichtig, um das Leben genießen zu können.

  • Wofür lebst du?
  • Was möchtest du in deinem Leben?
  • Wie genießt du dein Leben?

Von Zeit zu Zeit solltest du dir diese Fragen stellen und beantworten. Vielleicht legst du dir ein kleines Büchlein an, denn deine Antworten können sich im Laufe deines Lebens verändern. Dann ist es spannend nachzulesen, was früher war.

Vielleicht vergisst du auch mal Dinge und dann ist es schön, sich daran zu erinnern, was du dir vor einem Jahr gewünscht hast.

Ich finde die Idee der Löffelliste total gut. Was möchtest du tun bevor du den Löffel abgibst? Diese Löffelliste kann gar nicht lang genug sein! Hier sollten auch Dinge drauf stehen, die du eigentlich für unmöglich hältst, aber diese Dinge machen das Leben bunt. Hier gibt es Anregungen wie du deine Löffelliste erstellen kannst und was du dabei beachten solltest. Viel Spaß dabei -  denn das macht Spaß.

Praktische Tipps

Jetzt kommen noch ein paar praktische Tipps von mir.

Sterben müssen wir alle irgendwann – das ist sicher. Du kannst dafür sorgen, dass einige Dinge so laufen, wie du es möchtest, wenn es soweit ist.

Leider ist es nicht immer so, dass wir umfallen und direkt tot sind. Manchmal gibt es einen langen Leidensweg – wie weit du hier gehen möchtest kannst du vorab festlegen. Es ist total wichtig, dass du das tust. Auch, wenn es natürlich ist, dass wir uns nicht damit auseinandersetzen wollen.

Überlege dir, wer sich um dich kümmern soll, wenn du es selbst nicht mehr kannst.

  • Wer soll deine Finanzen regeln, wer soll mit Ärzten sprechen und wer soll Entscheidungen für dich treffen?
  • Wie weit möchtest du gehen?
  • Willst du alle lebenserhaltenden Maßnahmen durchführen lassen?
  • Oder möchtest du deine Organe spenden?

Alle diese Dinge kannst du in einer Vorsorgevollmacht festlegen und den Menschen deines Vertrauens eintragen lassen. Du solltest selbstverständlich dafür sorgen, dass dieser Mensch eine Kopie dieser Vorsorgevollmacht mit Originalunterschrift von dir hat.

In manchen Fällen ist es sinnvoll, dass diese Vorsorgevollmacht notariell erstellt wird. Ich weiß nicht genau, wann dies sinnvoll ist und wann nicht. Da musst du dich selbst schlau machen. Wenn du dieses nicht tust und du kannst nicht mehr selbst für dich sorgen, kann es passieren, dass du einen rechtlichen Betreuer bekommst – und glaube mir, dass macht viele Dinge für deine Angehörigen nicht leichter.

Ich gebe hier keine Rechtsberatung oder verbindliche Lebensberatung, ich lege nur meine Meinung dar. Meines Erachtens kann ich mir und meiner Familie eine Menge ersparen, wenn ich frühzeitig einige Dinge festlege und darüber mit Menschen spreche, denen ich vertraue. Menschen, denen ich zutraue für mich zu sorgen, wenn ich es nicht mehr kann.

So, und hier sind wir an dem Punkt, dass ich doch noch etwas Positives aus der Geschichte mit meiner Tante ziehen kann. Sie hat dafür gesorgt, dass ich mit meinen anderen Angehörigen über dieses Thema geredet habe und wir jetzt alles auf den Weg bringen.

 Ach so, und noch etwas: Das ist kein Thema das du aufschieben solltest. Also, nicht erst morgen angehen. Hier findest du erste Infos zum Thema: Vorsorgevollmacht

Sei positiv!

Sonja & Ute